Kaum eine Zahl auf einem Produktblatt wird so oft verglichen und so selten verstanden wie die Akku-Angabe. 5.000 mAh im Smartphone, 20.000 mAh in der Powerbank, „bis zu 18 Stunden" beim Laptop. Alle drei Angaben klingen konkret. Keine davon sagt für sich allein, wie lange dein Gerät wirklich durchhält. Dieser Beitrag erklärt, was hinter mAh, Wh, Ladezyklen und Laufzeit-Versprechen steckt – und woran du erkennst, ob zwei Werte überhaupt vergleichbar sind.
mAh oder Wh: Zwei Einheiten, zwei Aussagen
Milliamperestunden (mAh) beschreiben die elektrische Ladung, die ein Akku speichert. Was sie nicht enthalten: die Spannung. Und genau die entscheidet darüber, wie viel Energie tatsächlich drinsteckt.
Wattstunden (Wh) geben diese Energie an. Die Formel ist einfach:
Wh = mAh × Volt ÷ 1.000
Ein Smartphone-Akku mit 5.000 mAh bei 3,85 Volt speichert rund 19 Wh. Ein Laptop-Akku mit 4.900 mAh bei 11,5 Volt speichert etwa 56 Wh – also fast das Dreifache, obwohl die mAh-Zahl fast gleich ist. Wer nur mAh vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen.
Deshalb geben Laptop-Hersteller fast immer Wh an, Smartphone- und Powerbank-Hersteller dagegen mAh. Das ist keine Bosheit, aber ein Einfallstor für optische Aufwertung.
Das Powerbank-Beispiel
Bei Powerbanks wird die Lücke zwischen Zahl und Wirklichkeit am größten. Die mAh-Angabe bezieht sich in der Regel auf die Zellspannung von etwa 3,6 bis 3,7 Volt. Ausgegeben wird der Strom aber über USB mit 5 Volt oder mehr. Ein Beispiel, das Mac Life anhand einer Powerbank durchgerechnet hat: 20.100 mAh bei 3,6 Volt entsprechen 72,36 Wh – bei 5 Volt Ausgangsspannung sind das nur noch rund 14.500 mAh. Dazu kommen Wandlungsverluste. Wer erwartet, sein 5.000-mAh-Handy vier Mal voll zu laden, wird meist bei zweieinhalb bis drei Ladungen landen.
Praktische Regel: Wenn zwei Geräte unterschiedliche Spannungen haben, rechne in Wh um. Steht keine Spannung dabei, ist der Wert nicht vergleichbar – nur beeindruckend.
Laufzeit-Versprechen: Die Messbedingung ist Teil des Werts
„Bis zu 18 Stunden Akkulaufzeit" ist keine Messung, sondern ein Ergebnis unter Bedingungen, die der Hersteller selbst festlegt: Videowiedergabe im Flugmodus, gedimmtes Display, WLAN aus. Das ist nicht verboten, aber es hat mit deinem Alltag wenig zu tun.
Wie groß die Lücke werden kann, zeigt ein Test der britischen Verbraucherorganisation Which?, den TechRadar zusammengefasst hat. Bei 67 Laptops lagen die Herstellerangaben teils weit über den Laborwerten: HP-Geräte versprachen im Schnitt knapp 9 Stunden 48 Minuten und hielten rund 5 Stunden. Bei Dell standen 9 Stunden 15 Minuten gegen 5 Stunden 12 Minuten. Nur Apple lag mit 10 versprochenen und 10 Stunden 15 Minuten gemessenen Stunden über der eigenen Angabe. Der Test ist einige Jahre alt, das Muster hat sich seither nicht grundlegend geändert: Herstellerwerte sind Bestwerte, keine Erwartungswerte.
Was daraus folgt:
- Vergleiche Laufzeiten nur innerhalb derselben Messmethode. Ein Hersteller-Videoloop und ein unabhängiger Surftest bei fester Displayhelligkeit sind zwei verschiedene Disziplinen.
- Unabhängige Tests sind mehr wert als Datenblätter, weil dort alle Geräte unter identischen Bedingungen laufen.
- Eine Laufzeit ohne Messbedingung ist kein ungenauer Wert, sondern kein vergleichbarer Wert. Das klingt hart, spart aber Enttäuschungen.
Ladezyklen: Die Zahl, die über Jahre entscheidet
Lithium-Ionen-Akkus altern mit jeder vollständigen Ladung. Ein Ladezyklus ist dabei nicht „einmal einstecken", sondern die Summe von 100 Prozent Ladung – zwei Aufladungen von 50 auf 100 Prozent zählen als ein Zyklus. Irgendwann fällt die nutzbare Kapazität spürbar ab, und der Akku, der anfangs den Tag überstand, muss mittags ans Kabel.
Seit dem 20. Juni 2025 macht die EU diese Alterung sichtbar. Nach der Ökodesign-Verordnung (EU) 2023/1670 müssen Akkus in neuen Smartphones und Tablets mindestens 800 vollständige Ladezyklen überstehen und danach noch mindestens 80 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität haben. Ersatzakkus müssen sieben Jahre lang verfügbar sein.
Das neue EU-Energielabel für Smartphones und Tablets zeigt nach Angaben der Verbraucherzentrale unter anderem:
- die Laufzeit pro Ladung unter einem einheitlichen Prüfverfahren,
- die Anzahl der Ladezyklen, bis der Akku unter 80 Prozent seiner Kapazität fällt,
- eine Reparierbarkeitsklasse von A bis E,
- die Schutzklasse gegen Staub und Wasser (IP-Wert).
Der Vorteil gegenüber Herstellerangaben: Alle Geräte werden nach derselben Methode geprüft. Die Laufzeit auf dem Label ist damit zum ersten Mal ein Wert, den du wirklich zwischen Marken vergleichen kannst – auch wenn er nicht deinem persönlichen Nutzungsmuster entspricht.
Was gute Akku-Angaben auszeichnet
Ein Hersteller, der es ernst meint, nennt:
- die Kapazität in Wh oder mAh mit Spannung,
- die Messbedingungen hinter jeder Laufzeitangabe,
- die Zyklenfestigkeit (etwa „80 % nach 1.000 Zyklen"),
- ob eine Ladebegrenzung auf 80 Prozent im Alltag einstellbar ist – sie schont den Akku spürbar,
- wie lange Ersatzakkus verfügbar bleiben und ob der Tausch ohne Spezialwerkzeug geht.
Fehlt davon das meiste, ist die große Zahl auf der Verpackung kein Argument. Sie ist eine Marketingentscheidung.
Checkliste vor dem Kauf
- Umrechnen statt staunen: Kapazität in Wh vergleichen, nicht in mAh.
- Bedingungen lesen: Steht bei der Laufzeit, wie gemessen wurde? Wenn nicht, den Wert als Obergrenze behandeln.
- Label prüfen: Bei Smartphones und Tablets die Zyklenzahl und Laufzeit auf dem EU-Energielabel ansehen – das ist der neutrale Vergleichswert.
- Unabhängige Tests bevorzugen, wenn es um Laptops, Kopfhörer oder Powerbanks ohne Label geht.
- Langfristig denken: Ein Gerät mit etwas kleinerem Akku, aber tauschbarem Akku und guter Zyklenfestigkeit hält oft länger als der Kapazitätsriese, den man nach zwei Jahren entsorgen muss.
Warum wir bei Nuvio so genau hinsehen
Bei Nuvio behandeln wir eine Akku-Angabe ohne Messbedingung genauso wie eine Lumen-Zahl ohne Norm beim Beamer: nicht als „ungefähr richtig", sondern als nicht vergleichbar. Ein Wert, der sich nicht mit anderen messen lässt, geht nicht in eine Empfehlung ein – lieber sagen wir offen, dass Daten fehlen, als eine Zahl zu loben, die niemand nachprüfen kann. Denn eine Empfehlung ist nur so ehrlich wie die Zahlen, auf denen sie steht.
Kurz gesagt: mAh ohne Spannung ist eine halbe Angabe, eine Laufzeit ohne Messbedingung ein Versprechen, und die Zyklenzahl die Angabe, die dir in drei Jahren noch etwas nützt. Wer diese drei Dinge auseinanderhält, kauft den Akku, der wirklich zu seinem Alltag passt.