Echte Rabatte erkennen: Was die 30-Tage-Regel bedeutet
Minus 60 Prozent, rot durchgestrichen, großer roter Sticker mitten auf der Produktseite. Der erste Impuls: zugreifen, bevor der Preis wieder steigt. Der zweite, nüchternere Gedanke sollte lauten: minus 60 Prozent wovon eigentlich? Genau diese Frage beantwortet seit einigen Jahren ein Gesetz, das kaum jemand kennt, aber das jeder kennen sollte, der online einkauft.
Was ein Mondpreis ist
Im Handel spricht man von einem „Mondpreis", wenn ein Ausgangspreis nie wirklich zu regulären Bedingungen verlangt wurde, sondern vor allem dazu diente, später einen möglichst großen Rabatt zeigen zu können. Das kann eine künstlich hoch angesetzte unverbindliche Preisempfehlung sein, ein alter, längst überholter Listenpreis, oder ein Preis, der nur für wenige Stunden vor dem „Angebot" tatsächlich verlangt wurde. Der Begriff spielt darauf an, dass dieser Preis mit der Realität so viel zu tun hat wie mit dem Mond: nichts.
Für Käufer ist das Problem offensichtlich. Ein Rabatt lässt sich nur bewerten, wenn man weiß, wovon er berechnet wird. Ohne verlässlichen Referenzpreis ist jede Prozentzahl auf einem roten Sticker im Grunde beliebig.
Was die 30-Tage-Regel vorschreibt
Genau hier setzt die sogenannte 30-Tage-Bestpreis-Regel an, die seit dem 28. Mai 2022 in Deutschland gilt (§ 11 der Preisangabenverordnung, Umsetzung einer EU-Richtlinie zur Modernisierung des Verbraucherschutzes). Die Regel verpflichtet Händler, bei jeder beworbenen Preissenkung den niedrigsten Gesamtpreis anzugeben, den sie in den 30 Tagen davor tatsächlich verlangt haben. Wer also mit „-40 %" wirbt, muss zeigen, wovon diese 40 Prozent wirklich abgezogen wurden, nämlich vom günstigsten Preis des letzten Monats, nicht vom höchsten.
Die Pflicht gilt für stationäre Händler ebenso wie für Online-Shops und Marktplätze, und die Angabe muss klar erkennbar direkt beim Preis stehen, nicht in einer Fußnote oder versteckt im Kleingedruckten. Genau darüber musste der Bundesgerichtshof im Oktober 2025 entscheiden (Az. I ZR 183/24): Ein Discounter hatte den 30-Tage-Bestpreis zwar genannt, aber nur in winziger Schrift als Fußnote. Der BGH stellte klar, dass das nicht reicht, da eine so wesentliche Information für Verbraucher gut lesbar und unmissverständlich sein muss.
Ausnahmen von der Regel gibt es unter anderem für schnell verderbliche Lebensmittel, für neu eingeführte Produkte ohne Preishistorie, für Dienstleistungen sowie für Auktionen und individuell verhandelte Preise.
So prüfst du einen Rabatt in der Praxis
Ein paar Handgriffe reichen, um einen angezeigten Rabatt realistisch einzuordnen:
- Auf den Referenzpreis achten. Seriöse Shops zeigen bei reduzierten Artikeln den 30-Tage-Bestpreis direkt neben dem durchgestrichenen Preis, oft mit einem Hinweis wie „bisheriger Bestpreis" oder „niedrigster Preis der letzten 30 Tage". Fehlt diese Angabe komplett, ist das selbst schon ein Warnsignal.
- Preisverlauf extern gegenchecken. Unabhängige Preisvergleichs- und Preisverlaufs-Tools zeigen, wie sich ein Produktpreis über Wochen und Monate tatsächlich entwickelt hat. Ein Blick darauf entlarvt viele kurz vor dem Sale angehobene Preise.
- UVP kritisch lesen. Eine unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers ist von der 30-Tage-Regel ausgenommen und daher kein verlässlicher Maßstab für die Rabatthöhe. Sie sagt mehr über die Preispolitik des Herstellers aus als über den fairen Marktpreis.
- Auf runde, verdächtig hohe Rabatte achten. Dauerhafte 50- oder 70-Prozent-Rabatte über Monate hinweg deuten meist darauf hin, dass der „reguläre" Preis selbst nie ernsthaft verlangt wurde.
- Den absoluten Preis vergleichen, nicht nur den Prozentsatz. Ein Blick auf den Endpreis bei zwei, drei anderen Händlern verrät oft mehr als jede Rabattzahl.
Warum das mehr ist als Kleinkram
Die 30-Tage-Regel ist kein bürokratisches Detail, sondern ein Versuch, ein sehr altes Verkaufsprinzip zu entschärfen: Menschen bewerten einen Preis fast immer relativ, im Vergleich zu einem Ankerwert, selten absolut. Je höher der Anker, desto größer wirkt jeder Rabatt, ganz unabhängig davon, ob der Artikel am Ende wirklich günstig ist. Ein Gesetz, das einen ehrlichen Ankerpreis erzwingt, nimmt Händlern genau dieses Werkzeug zur Manipulation ein Stück weit aus der Hand, sofern es auch angewendet und durchgesetzt wird.
Für Käuferinnen und Käufer bleibt trotzdem die Aufgabe, genau hinzuschauen. Genau darum geht es bei Nuvio: nicht der lauteste Rabattsticker soll über eine Kaufentscheidung entscheiden, sondern eine ehrliche Einordnung, ob ein Produkt und sein Preis tatsächlich zueinander passen.
Kernaussage: Ein Rabatt ist nur so glaubwürdig wie sein Referenzpreis. Seit 2022 müssen Händler in der EU offenlegen, wovon ein beworbener Rabatt tatsächlich abgezogen wird, nämlich vom niedrigsten Preis der letzten 30 Tage. Wer diese Angabe kennt und mit einem kurzen externen Preischeck kombiniert, lässt sich von keinem Mondpreis mehr beeindrucken.